DER DIE DAS - Regiekommentar

Wochenlang sitze ich mit scheinbarer Gleichgültigkeit bestraft in einer Ecke und schaue 22 fremden Kindern zwischen sechs und acht Jahren im Frontalunterricht zu. Sie sind mir nicht nur fremd, weil sie mir ihre Namen nicht nennen wollen, sondern auch, weil sie nichts von mir wissen wollen. Sie sind wie Hüllen, die zur Projektion einladen und immer wieder hämisch grinsen, wenn ich in schüchterne Fragen verpackt, Vermutungen über ihren Charakter von mir gebe.

 

Nein, sie wissen nicht, warum ich mich für sie interessiere. Und sie wissen vor allem nicht, warum ich immer da bin. Manchmal beobachten sie mich, wie ich sie beobachte. Ich lächle und sie schneiden mir Fratzen. Ich bleibe trotzdem weiter sitzen. Sie haben mich also bemerkt. Ich befinde mich in der Anna–Lindh Grundschule mitten im Berliner Wedding. Die Schülerschaft spiegelt die Bewohner des Stadtbezirks mit einem Ausländeranteil von ca. 60 Prozent wieder. Über 40 Prozent der Erstklässler wurde eine schlechte bis ungenügende Beherrschung der deutschen Sprache bescheinigt.

 

In der Klasse 1e prallen Realitäten aufeinander. Einerseits fordern die kunterbunt gemischten ethnisch-religiösen Hintergründe eine große Toleranz unter den Kindern und vor allem von Seiten der Lehrerin. Ein Großteil kommt aus der Türkei, der Rest aus dem Libanon, Bosnien, Russland, Nigeria oder Kolumbien. Doch im Gegensatz zu vielen Eltern fällt für die Kinder ihre kulturelle Sondersituation wenig ins Gewicht. Sie sperren sich dagegen, anders zu sein. Sie wollen sich nicht unterscheiden und interessieren sich deswegen wenig für ihre Herkunft. Viele Kinder wissen nicht einmal, woher ihre Eltern stammen und schämen sich, ihre Sprache in der Schule zu sprechen.

 

Grundsätzlich ist die bewusste Auseinandersetzung mit ihrer Herkunft hinter ein weitaus größeres und viel schwerwiegenderes Problem zurückgestellt; die große Kluft zwischen den Anforderungen des Schulalltags und ihren Lebensumständen außerhalb der Schule. Denn das Leben am Existenzminimum und die oft daraus folgende Perspektivlosigkeit der Eltern beeinflussen auch das Leben der Sechs- und Siebenjährigen.

 

In Gesprächen und Zeichnungen erzählen die Kinder schließlich aus ihrer Perspektive von kleinen und großen Hoffnungen, Wünschen und Problemen. Schritt für Schritt fügt sich so ein Bildausschnitt unserer Gesellschaft in Deutschland. Es entstehen kleine, aber nachhaltige Denkanstöße, die zu tieferen und universellen Überlegungen zwingen: Wie gehen wir miteinander um und wie gehen wir vor allem mit unseren Kindern um?

 

Sophie Narr